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Ein Text von Andreas Bee (2024)

Die Zeit, die trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer

Die Zeit, die trennt auch jeden Sänger und sein Lied

Denn die Zeit ist das, was bald geschieht

 

Die Zeit, die trennt nicht nur für immer Traum und Träumer

Die Zeit, die trennt auch jeden Dichter und sein Wort

Denn die Zeit läuft vor sich selber fort

[…]

Die Zeit, die trennt nicht nur für immer Sohn und Vater

Die Zeit, die trennt auch eines Tages dich und mich

Denn die Zeit, die zieht den längsten Strich

 

Barry Ryan

Zeit macht nur vor dem Teufel halt

Schlager, 1972

Zeit macht nur vor dem Teufel halt

 

Sie konnte sich nicht von ihr trennen, bis zuletzt. Jahrzehntelang hatte die messingfarbene Schreibtischuhr ihrem Modellnamen alle Ehre gemacht und sie „up-to-date“ gehalten. Doch als sie starb, als niemand mehr ihrer treuen Begleiterin Aufmerksamkeit schenken wollte, verlor auch die bald ihren Lebensgeist und stellte den Betrieb am Montag, dem 39. Mai, um drei Minuten vor eins ein. Da war sie offensichtlich schon gehörig aus dem Takt geraten und nicht mehr ganz von dieser Welt.

Die durch den Nachlass der Großmutter auf die Künstlerin überkommene Uhr der Firma Junghans aus den 60er-Jahren ist ein sonderbares Designerstück. Formal eigensinnig und unverwechselbar gestaltet, wurde sie ungewöhnlich solide gebaut, auf Langlebigkeit ausgelegt und war der guten, alten, exportfähigen Qualität verpflichtet. Allein deshalb ein bemerkenswertes hybrides Wesen mit Quarzwerk und analogem Display.(1)

Kein Anfang, kein Ende

Das Anzeigenfeld der Tischuhr ist zweigeteilt: Rechts ein konventionelles Zifferblatt mit Stunden-, Minutenzeiger, links werden in ausgestanzten Sichtfeldern Wochentag, Datum und Monatsbezeichnung angezeigt, weiß auf schwarzem Grund, gedruckt auf Palettenrollen. Was die Uhr aber unterschlägt, ist eine Jahresangabe. Das erscheint bei längerer Betrachtung gerade dieses ausgeklügelten Designs ausgesprochen merkwürdig, fast so, als sei dies mit Vorsatz und nicht aus technischen oder ästhetischen Erwägungen geschehen.

 

Gewöhnlich verstehen wir unter einem Datum die Bestimmung eines spezifischen Tages. Vom Lateinischen „dare“ abgeleitet, behauptet das Wort Datum also, für etwas Gegebenes zu stehen. Hier aber könnten wir auf die Idee verfallen, das eigentliche Anliegen hinter dieser Uhr sei gar nicht die exakte Definition eines konkreten Punktes in einer wie auch immer gearteten Zeitrechnung. Vielleicht, so möchte man weiter mutmaßen, ging es dem Uhrmacher vielmehr um die Darstellung und Hervorhebung eines Jahreszyklus, um die Veranschaulichung einer ewigen Wiederholung, um die Perpetuierung einer Vorstellung von immergleichen Zeitläuften, um die Betonung einer Wiederkehr des Vorhergegangenen und nicht um die möglichst exakte Einteilung eines Zeitpfeiles nach den Regeln des gregorianischen Kalenders.

 

Wir wissen es natürlich nicht, aber möglicherweise wurde die Uhr auch oder gerade wegen dieser Besonderheit zu einem geschätzten Gegenüber. Durch das Fehlen einer Jahreszahl rückt ein Nachsinnen über Anfang und Ende – auch der eigenen Lebenszeit – in den Hintergrund. Also nicht: „In welchem Jahr wurde ich geboren? Wie viele Jahre sind schon vergangen? Wie viel Zeit bleibt mir noch?“ Stattdessen haben wir eine tägliche Mahnung vor Augen, so gut es eben geht, im Einklang mit dem Jahreszyklus und in der Gegenwart zu leben. Einem gemäßigten Rhythmus zu folgen, nicht die Intensität zu erhöhen, sich nicht von Hast und Hektik, Unruhe und Nervosität bestimmt zu lassen, sondern gleichmäßig mit den Jahresläufen mitzuschwingen. So verstanden, betont diese Uhr die Dauer und hilft, vom eigenen Schicksal abzusehen und die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart, auf ein Leben von Tag zu Tag zu lenken. Sie entspricht damit einem heute selten gepflegten Zeitverständnis und ergänzt ihr hintersinniges „up-to-date“ durch ein stilles „da capo“.

 

 

Entzug der Zeit

 

In ihrer Kontur einem Rückspiegel auf dem Armaturenbrett eines offenen Sportwagens ähnlich, auf dessen Oberfläche wir in schneller Fahrt nur einen Ausschnitt dessen sehen, was wir just hinter uns gelassen haben, zeigt auch die Uhr bloß für eine kleine Weile, was ist, um es uns gleich wieder zu entziehen. Somit entsteht ein Gefühl für die Zeit nicht zuletzt durch den Entzug der Zeit.

 

Sobald ihre Funktion nicht mehr im Vordergrund steht, wächst der aus dem Ruder gelaufenen und deutlich gealterten Uhr etwas von jener Beseeltheit zu, die manchen magischen Gegenständen und inbesondere Werken der Kunst häufig eigen ist. Ihr Stillstand zu einem Zeitpunkt jenseits unserer Zeitrechnung ist plötzlich mehr als Ausdruck einer kollabierten Mechanik, und ihr nun völlig geräuschloses Dasein erscheint uns wie ein bewusstes, aktives Schweigen. Billigen wir also der Uhr ein selbstbewusstes Eigenleben zu, erkennen wir in ihr eine lebendige Gefährtin, die wahrscheinlich mehr über uns weiß, als wir zunächst vermutet hätten.

Wie kann man das verstehen? Der Filmemacher und Autor Alexander Kluge erzählt in einem seiner Bücher die schöne Geschichte von einem Physiker, der sich mit einer Journalistin in der Bar eines mondänen Hotels in Berlin trifft, um ihr seine neuste Entdeckung näherzubringen. Sichtlich um Ruhe bemüht, behauptet der Wissenschaftler, er und seine Kollegen könnten nun endlich beweisen, dass sich die Natur allein durch intensive Beobachtung in ihrem natürlichen Verhalten beeinflussen lasse und sich aufgrund der Beobachtung schließlich unnatürlich verhalte. Er spricht vom Quanten-Zeno-Effekt.

– Wir können durch häufiges Beobachten einen radioaktiven Kern am Zerfall hindern.

– So wie man einen Selbstmörder, der am Rande eines Hochhauses posiert, durch Auf-ihn-Einsprechen an der Tat hindert? Man darf nicht zu viel und man darf nicht zu wenig reden?

– Das radioaktive Elementarteilchen, beobachtet, kommt nicht dazu, zu zerfallen.

– Und?

– Dasselbe passiert, wenn man einen radioaktiven Kern im Zerfall beschleunigt. Auch das geschieht durch Beobachten.(2)

 

Die junge Frau überträgt in Gedanken das Gesagte auf intime Begegnungen und glaubt zu verstehen, wovon die Rede ist: Bemerken wir eine Beobachtung, verhalten wir uns oft anders, als wenn wir uns unbeobachtet wähnen.

Was für den Zerfall radioaktiver Kerne gilt, hat ebenso Gültigkeit in der Auseinandersetzung mit besonderen Gegenständen, Möbeln und Kunstwerken. Auch wenn das Wechselspiel hier nicht ganz so offensichtlich sein mag, können wir uns in der Begegnung mit Werken der Kunst – vorausgesetzt, wir billigen ihnen eine gewisse Wesenhaftigkeit zu – verändern und erleben ab und an, dass da „keine Stelle (ist), die dich nicht sieht“(3). Es ist stets die intensive Zuneigung, die alles entscheidet. Ohne sie verkümmert am Ende jedes Werk, verstummt es in einer isolierenden Kapsel oder stirbt in der stillgestellten Zeit.

 

 

Sich Zeit nehmen

Künstler müssen sich Zeit nehmen. Zeit ist ihr höchstes Kapital. Kunstwerke, was auch immer sie sonst alles sein mögen, sind Ausdruck einer in Form und Materie gespeicherten Zeit. Kunstwerke sind Zeitspeicher, die Aufmerksamkeit brauchen, um aktiv zu werden.

 

Aufmerksamkeit ist das große Stimulans des Lebens und steht häufig am Anfang eines fruchtbaren Austauschs. Aufmerksamkeit ist das Gegenteil von stumpfsinnigem, interesselosem Dämmern. Bringt man den Werken der Kunst Aufmerksamkeit entgegen, fragt man sie, was sie wollen, was sie begehren, dann kann das Wechselspiel beginnen. Anhaltende Aufmerksamkeit ist also ein notwendiger, hin und her schwingender und letztlich lebenserhaltender Prozess. Aufmerksamkeit vitalisiert, so wie die dem radioaktiven Kern gewidmete Aufmerksamkeit durch den Physiker bewirkt, dass dieser nicht zerfällt.

 

Es ist also an uns. Denn Kunst handelt im Grund von ihren Betrachtern. Sie sind es, von deren Verhalten die Bedeutung eines Werkes abhängt.

 

(1) Hersteller Junghans, späte 60er-, frühe 70er-Jahre; Gehäuse aus eloxiertem Aluminium, messingfarben; Sockel aus Holz, schwarz lackiert, Quarzuhrwerk, batteriebetrieben; Maße 20,4 x 11,3 x 9,5 cm, 960 g, hergestellt in Deutschland.

(2) Alexander Kluge, Die Lücke, die der Teufel läßt, Frankfurt am Main 2003, S. 876. Auch das Eingangssetting lehnt sich hier an den „Später Sieg über die Natur“ überschriebenen Beitrag Kluges an.

(3) Rainer Maria Rilke, „Archaïscher Torso Apollos“, in: ders., Die schönsten Gedichte, Berlin 2011, S. 82.

 

 

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