AK-Air, 2018
Acrystal, Plexiglas, MDF
Courtesy Galerie Gilla Lörcher
© Fotos Dr. Cordia Schlegelmilch
AK-Air, 2018
Acrystal, Plexiglas, MDF
Courtesy Galerie Gilla Lörcher
© Fotos Dr. Cordia Schlegelmilch

Ein Text von Birgit Möckel (2024)
Joy Toys. Fremdkörper.
Iris Musolfs Werke spielen mit unseren Erwartungen. Sie wirken vertraut und irritieren tiefgründig, locken und verunsichern gleichermaßen. Sie setzen weitreichende Zeichen und bilden hintergründige Analogien, die von tradierten klassischen Körperfragmenten der Antike hin zum omnipräsenten, wirkmächtigen Körperideal der Gegenwart und der damit auf das Engste verknüpften Kommerzialisierung führen, die das Bild von Schönheit und (sexueller) Anziehungskraft unaufhaltsam formen. So rätselhaft sich die Arbeiten zeigen, so nachhaltig wirkt ihre subtile Ambivalenz und innewohnende Spannung - potenziert in präzisen Setzungen, durch die jede Ausstellung zum Resonanzraum wird, in dem sich Vertrautes mit Fremdem trifft und an Tabuzonen rüttelt. Jede Verunsicherung führt zu Fragen. Die Antworten gehen unter die Haut, werden zu hartnäckigen Eindringlingen: Fremdkörpern.
Mit subtiler Kraft fügen sich in zarten Linien umrissene rätselhafte Ornamente zu blauen Blüten, sogenannten „Flores caerulei“ und ziehen die Betrachtenden in ihren Bann, wie auch die collagierten Anverwandten, die futuristisch anmutenden „Joy Toys“, mit ihren nicht minder verführerischen Farben und lebendigen Formen, fantastische Gebilde, deren bizarre, lustvolle Zusammenstellungen an surreale Apparaturen erinnern, die auf den Blättern ein spielerisches Eigenleben entwickeln. Was auf den ersten Blick romantisch anmutet, zeigt sich alsbald als fantasievolle Übertragung ganz irdischer Triebe, die der Gattung des Capriccio nahekommt, „seinem Doppelcharakter, der Extreme vereinen und Gegensätzliches oder Widersinniges verschmelzen kann“ (1) - mit Scharfsinn und Lust am freien Lauf der Fantasie bis hin zu Abgründigem.
Doch welchem zeitgenössischen Laboratorium mögen die Versatzstücke entsprungen sein, aus denen sich diese arabesken Naturadaptionen und wundersam eigenwilligen Konstrukte zusammensetzen? Was verbindet sie mit den vermeintlich knuffig-prallen, drolligen „Blow-Up Animal Love Dolls“ oder den allem Anschein nach der Antike entlehnten und über diese hinausweisenden fragilen, puppengleichen Körpern und deren Fragmenten, die, sorgsam gestützt oder in musealen Vitrinen geschützt, einem klassischen Kanon folgen und doch seltsam starr und deformiert scheinen?
Zweifel setzen sich fest angesichts von eindeutig sprechenden Körperdetails und damit charakterisierten Rollen(bildern) und potentiellen Nutznießern, die diese Arbeiten teils subtil, teils unverhohlen, radikal realistisch und schonungslos zur Schau stellen. Harmlos ist keines der Werke. Ganz gezielt treffen sie den Nerv unserer vom allumfassenden Warenangebot zum Stillen jeglicher Bedürfnisse satten Gesellschaft. Abgründe öffnen sich spätestens dann, wenn der Betrachter dem Ursprung der comicartigen Formen – seien es Esel, Schaf oder Huhn – auf die Schliche kommt. Aufblasbare Sex Toys und andere explizite Produkte der rasant wachsenden Erotikindustrie werden hier in leblosen Stein gegossen und neben Abformungen von ebenfalls ursprünglich aufblasbarem Kriegsspielzeug für Kinder gestellt, um damit einmal mehr ein Nachdenken über die wahren Hintergründe all dieser Spielformen einzufordern.
„Wir sind umgeben von der Anbetung für den unwirklichen Körper und der Simulation von Lust. Ich frage mich warum: Um zu verschleiern? Um das Rauschhafte, Enthemmte, den Ekel vor dem Leib und das Ekstatische zu verbannen? [...] Der menschliche Körper wird unter Verwendung von technischen Möglichkeiten als saubere Folie für kommerzielle Zwecke benutzt.“2 Das Romantische, Körperliche und Verwundbare wird sogar ein Stück weit sublimiert und durch Objekte oder Technologien ersetzt - oder wie Slavoj Žižek sagt: ‚Man kann jeden in einen Pornostar verwandeln, indem man mit der Deepfake-Technologie das Gesicht der Person in ein Erwachsenenvideo eintauscht. Alles, was dazu nötig ist, ist das Bild und ein Knopfdruck.“ [...] Aber warum sollten wir uns auf Sex beschränken? Wie wäre es, wenn wir unsere Feinde mit gesichtsgetauschten Videos in Verlegenheit bringen, in denen sie etwas Ekelhaftes oder Kriminelles tun?‘“(3) betont Iris Musolf.(4)
Die Nahtstelle zwischen Spieltrieb und ausgelassener Spielfreude bildet Ausgangsmotiv und Movens einer fortlaufenden Reihe von Skulpturen der Künstlerin,
die ihre Formenvielfalt längst alltäglichen Konsumartikeln verdankt, die zur Befriedigung jedweden begierigen Verlangens allzeit verfügbar sind. Der kaum kontrollierbare Spieltrieb in all seinen unschuldigen bis hin zu verletzenden, grausamen Facetten wird mit der gedankenlosen Verwendung und damit einhergehenden Banalisierung von Kriegsgerät und mörderischen Waffen verharmlost. Eine in heroischer Manier am Körper getragene Kalaschnikow ist längst Inbegriff propagandistischer Signale von Terroristen. Im Spiel wird nachgeahmt. Damit werden spielerisch Grenzen überschritten, die sich zu weitgreifenden Haltungen festigen können und unbedacht in den Alltag und unsere Werteordnung eindringen. Ein unfassbares Repertoire für alle, das von leicht transportablen Puppen oder Tieren als Sex- und Erotikpartner, Fetischen und eben auch Waffen als spielerische Ersatzteile für jede Altersgruppe und Klientel reichen. Ihre knallbunten Verpackungen sprechen eine einheitlich eindeutige (Werbe)Sprache und locken mit grellen Comics, die ohne Umschweife ins Vulgäre kippen.
Mit Nachdruck folgt die Künstlerin Spuren, Materialien und der Substanz jener verführerischen Oberflächenreize, die in Hochglanzmagazinen und anderen Werbeträgern den Ton angeben und das Spiel mit dem Körper befeuern. Zielsicher schlägt sie die Versprechen der Kosmetikindustrie mit deren eigenen Waffen: Nagellack, Wimperntusche, Lippenstift, Make-up und Co. sind so konsequente wie charakteristische künstlerische Ausdrucksmittel. Sie dienen als authentischer Werk- und Wirkstoff, um ausgewählten Werbeträgern, Modeikonen und Schönheitsidolen zu Leibe zu rücken. Mit farbintensiver Schminke (über)zeichnet Iris Musolf eine Serie von Körperbildern, (de)maskiert die Dargestellten bis zur Unkenntlichkeit, zerstört, kratzt an der Substanz und entlarvt die Brüchigkeit werbewirksamer Bilder. Mit jedem Abklatsch findet sich eine neue Schicht Bildwirklichkeit und führt in die Abgründe jedweden noch so schönen Scheins. Die Haut mit ihrer Transparenz, Verletzlichkeit und Wandlungsfähigkeit wird immer neu zum eigentlichen Protagonisten und Bildträger, mit dem sich immer auch das Innenleben offenbart. Verführerisch, weich, zerbrechlich, verwundbar transportiert sie Kälte, Härte, Schmerz, Lust, Wärme, Freuden als echogleiche Membran, die den Körper und Kern jeder Hülle umfängt und einschließt.
“Wenn Iris Musolf flächendeckend Lipgloss verwendet, so wird auch hier systematisch etwas verdeckt, geschönt, mit Glanz versehen. So, als würde die Haut
das Innere atmen.” (5) In der Serie „Gloss“ zieht die Künstlerin horizontale Streifen dicht an dicht über das Blatt, bis sich am Ende eine deckende Schicht zum pastos schimmernden Bild schließt, das an essentielle Malerei erinnert. Doch entpuppt sich die Reihe monochromer Farbfelder tatsächlich als Ergebnis beeindruckender, farbintensiver Rotschattierungen herkömmlicher Lippenstifte mit jeweils eigener Aura und Strahlkraft, die mit Intensität alles glättet und verdeckt, um nicht weniger als die Materie selbst in den Vordergrund zu rücken. Die serielle Anordnung der auch auf Papier wirkungsvollen Glanzlichter regt an zum kritischen Vergleich der Varianten. Damit kehrt diese exquisite Folge unmissverständlich auch zum Ausgangspunkt zurück und findet eine Parallele zu den Konsumentinnen, die zwischen all den verlockenden, feurigen, köstlichen und weiteren poetischen Abwandlungen dieser „Essentials“ eine Entscheidung fällen müssen. Iris Musolf summiert kurzerhand alle Töne zu einem einzigen „Gedicht“.
Glitzern und kristalliner Glanz sind auch kennzeichnend für die filigranen Weihnachtskugeln und Dekorgläser, die als Basis und Gussform für die steingrauen „Yule Balls“ dienten, die ebenfalls in loser Folge fortentwickelt werden. Im vollendeten Werk erinnern allein die einstigen Hängeösen sowie vereinzelte Glassplitter an das Ausgangsmaterial. Gleichsam komprimiert und auf den Punkt gebracht, zeigt sich an diesen Objekten, welch maßgebliche Rolle das Material im Zusammenspiel mit einer gewählten Form spielt. In Beton gegossen, zeigt sich die Ausgangsform als weitreichende Mutante, die an Handgranaten oder vergleichbar explosive Munition denken lässt und neu zu einer Zapfenform wachsen kann, die die zarten Engelsflügel in einem Kapitell im Ausstellungsraum zitiert, diese Himmelskörper verwandelt und mit Schwerkraft zurück auf die Erde holt.
Am Ende findet jedes von Iris Musolf präzise gesetzte Objekt sein Material und die ihm innewohnenden Signalwirkung mit offenen Konnotationen. Das jüngste Werk zeigt eine goldglänzende Kinderorthese aus fragiler Keramik. Goldfarben glänzt der passgenaue Halt in einem Nest aus duftigen weißen Federn. Kostbar, zerbrechlich, mit feinen taktilen Reizen verlangt die kleine Orthese besondere Aufmerksamkeit. Als Metapher und Abbild von Wirklichkeit ruft sie nach natürlicher Stärke und Robustheit an der Schwelle zu einem selbstbestimmten freien Leben – jenseits von Schönheitsidealen, Destruktionen von Frauenbildern und Zwängen, ist sie Artefakt und Fremdkörper, eine leere Hülle. Der Mensch, der sie trug, ist frei. Ein Traum?
(1) Roland Kanz, in: Ekkehard Mai, Joachim Rees (Hgg): Kunstform Capriccio, Kunstwissenschaftliche Bibliothek Bd. 6, Köln 1998, S. 13.5 Jean-Christophe Ammann, zit. nach einem Ankündigungstext zu einer Ausstellung von Iris Musolf und Julia Charlotte Richter, Galerie Perpétuel, Frankfurt am Main 2015, die von Jean-Christophe Ammann kuratiert wurde.
(2) Die Blaue Klinge. Iris Musolf im Gespräch mit Candice Breitz, in: Die Blaue Klinge, Ausst.Kat. Galerie Gilla Lörcher | contemporary art, Berlin 2014, Text S. 1.
(3) Slavoj Žižek: Über den Tod der Romantik, vulgäre ChatGPT-Bots und unechten Sex. Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/slavoj-zizek-ueber-den-tod-der-romantik-vulgaere- chatgpt-bots-und-unechten-sex-li.321649?afterPayment=true?id=ec5dd53c117f4e71932e6a9fc9a3fdb7. Eingesehen am 18.09.2023.
(4) Iris Musolf im Gespräch mit der Autorin.
(5) Jean-Christophe Ammann, zit. nach einem Ankündigungstext zu einer Ausstellung von Iris Musolf und Julia Charlotte Richter, Galerie Perpétuel, Frankfurt am Main 2015, die von Jean-Christophe Ammann kuratiert wurde.
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